Ich lade dich ein, mal für einen Moment die Augen zu schließen und dir vorzustellen, dass alle Menschen auf der Welt gleich wären. Alle hätten die gleichen Ansichten, die gleichen Wünsche, die gleichen Probleme, den gleichen Beruf, ja sogar das gleiche Lieblingsessen. Wie fühlt sich das für dich an?
Könnte es sein, dass eine Welt, in der alle gleich sind, ziemlich eintönig und langweilig wäre? Und dass sie kaum Lernmöglichkeiten bieten würde? Wenn ich immer nur dem begegne, was ich schon kennen, würde ich mich wahrscheinlich auch selbst nie in all meiner Vielfalt und meinem Facettenreichtum kennenlernen. Ich würde mich auf das beschränken, was offensichtlich ist, und das, was da vielleicht noch so alles versteckt in mir schlummert, nicht entdecken. Ich wäre nur äußerst selten überrascht und inspiriert durch das, was andere tun, was ich irgendwo sehe oder lese oder was ich in einem Gespräch höre.
Durch gesellschaftliche Vielfalt können Lernmöglichkeiten entstehen. Ich stelle mir vor, wie ich an einen Ort komme, an dem ich noch nie war, oder vielleicht gehe ich auch nur durch die eigene vertraute Straße, aber mit weit offenen Augen und Ohren. Dann bietet sich mir Neues – Dinge, die ich noch nie gesehen oder bewusst wahrgenommen habe, Menschen, die mir noch nie begegnet sind, Musik oder Essen, die ich zuvor noch nie gekostet habe. Das kann sich aufregend anfühlen, vielleicht zunächst auch ungewohnt und befremdlich, aber oft erlebe ich es als bereichernd oder inspirierend. Ich kann Dinge kennenlernen und ausprobieren, von denen ich bis dahin gar nicht wusste, dass sie mir gefallen oder dass ich ein Talent dafür habe. Ich erfahre möglicherweise Aspekte, über die ich mir zuvor noch nie Gedanken gemacht habe. Und dann stellt sich mir die Frage: Kann ich dies als Einladung annehmen, meine Meinung mal auf den Kopf zu stellen und einen neuen Blickwinkel zuzulassen?
Wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Standpunkten und Perspektiven sich in respektvoller Diskussion begegnen, dann ist es möglich, dass alle Beteiligten etwas dabei lernen. Bedeutet dies, dass ich die Meinung meines Gegenüber übernehmen muss? Ich denke nicht. Doch es ist möglich, dass ich neue Einsichten gewinne; ich kann etwas vielleicht mal auf eine Art und Weise betrachten, wie ich es noch nie zuvor getan habe, und womöglich neue Zusammenhänge entdecken. Des öfteren konnte ich im Laufe solcher Begegnungen sogar erkennen, dass mein Gegenüber und ich auf menschlicher Ebene gar nicht so unterschiedlich sind, wie ich anfangs angenommen hatte.
Es ist auch möglich, dass ich auf einer solchen Reise in die Vielfalt feststelle, dass ich manches Neue, das mir begegnet, ganz und gar nicht mag. Dass es Dinge gibt, die mir nicht gefallen, und Personen, bei denen ich mich nicht wohlfühle. Was mache ich damit, dass mir diese nicht gut tun? Kann ich dies auch als Lernerfahrung annehmen? Etwas zu erleben, das mir nicht zusagt; zu erkennen, was mir nicht gefällt oder was ich nicht gut kann; festzustellen, mit welchen Menschen ich gerade nicht weiter Zeit verbringen möchte. Wenn ich mich von Anfang an gegen diese Begegnungen verschlossen hätte, wären mir diese Lernerfahrungen und Erkenntnisse wohl entgangen.
Haben wir es in der Hand, wann wir solchen Situationen begegnen? Ich denke, manchmal schon, aber oft sind sie auch einfach Teil des Alltags oder sie tauchen gerade dann auf, wenn ich nicht mit ihnen rechne.
Manche Menschen versuchen, sich ihre eigene kleine Welt zu schaffen, in die nur das hinein darf, was sie für »richtig« und »gut« befunden haben. Das ist wohl das, was man eine Parallelwelt nennt. Ich kann mir vorstellen, dass dies einen sehr hohen Aufwand erfordert, alles was von »da draußen« kommt fernzuhalten und sich abzuschirmen. Und beschränkt es nicht auch den eigenen Horizont und verwehrt so manche Möglichkeit, die mir außerhalb meiner kleinen Welt begegnen könnte?
Ich denke, es ist nicht notwendig, mich lange einer Situation auszusetzen, in der ich mich wirklich überfordert oder beängstigt fühle – wenn ich die Wahl habe, dann ziehe ich mir früher oder später bewusst zurück. Ich finde es allerdings auch nicht ratsam, jegliche Situationen, in der ich mich eventuell unwohl fühlen könnte, von vornherein abzublocken.
Was hat Vielfalt mit Freiheit zu tun? Bin ich frei, so zu sein, wie ich das gerne möchte, und kann ich auch andere so sein lassen, wie sie es möchten? Kann das bewusste Annehmen von Vielfalt zu Toleranz und Respekt führen und die Welt als einen größtenteils spannenden und bereichernden Ort erfahrbar machen?
Die meisten Eltern, die sich für Freilernen als Bildungsweg entscheiden, wollen ihren Kindern Freiheit ermöglichen, damit sie wachsen, lernen und eigene Entscheidungen treffen können. Ihnen wird zugestanden, ihren eigenen Weg zu gehen. Hierfür ist ein Einlassen auf die gesellschaftliche Vielfalt hilfreich. Es geht um die Bereitschaft, über die eigenen Anschauungen und Meinungen hinauszusehen und den jungen Menschen eine wirklich freie Wahl zu lassen.
Ich finde, Freilernen bedeutet nicht, unseren Kindern nur das zuzugestehen, was wir selbst für »gut« und »richtig« befunden haben. Dies gilt vor allem, je älter und selbständiger sie werden. Um ihren Weg und Platz in dieser Welt zu finden, möchte ich bereit sein, ihnen die Welt in ihrer ganzen Vielfalt offenzuhalten. Wenn wir als Erwachsene eine Nische gefunden haben, die sich richtig für uns anfühlt und in der wir uns wohlfühlen, dann ist das schön für uns. Aber bedeutet es, dass wir unsere Kinder darauf beschränken sollten? Was ist mit den Dingen, die nicht unseren eigenen Ansichten entsprechen, aber für die sie sich interessieren, die sie anziehen und die sie ausprobieren möchten? Mir ist bewusst, dass hier Spannungsfelder innerhalb der Familie entstehen können. Genau wie wenn sie den unterschiedlichsten Menschen begegnen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Doch kann es die Lösung sein, ihnen Freiheit zu verwehren? Oder geht es um die bewusste Begegnung mit meinen eigenen Verunsicherungen und Sorgen? Und darum, Vertrauen in den persönlichen Weg meiner Kinder zu stärken?
Kann ich darauf vertrauen, dass meine Kinder durch die Bindung und die möglichst liebevoll, tolerant und frei ausgerichtete Umgebung, in der sie aufwachsen, mit sich selbst und anderen gut genug im Kontakt sind, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre eigenen Abenteuer zu erleben? Dass sie in den unterschiedlichsten Situationen und Begegnungen etwas für sie Wertvolles entdecken können und dass sie auch weiterhin stetig wachsen und lernen werden? Ist es die Rolle der Eltern ihnen Hindernisse in den Weg zu stellen, oder sollten wir vor allem für sie da sein, wenn sie uns brauchen, sie auf ihrem Weg begleiten, ohne die Richtung vorzugeben, und sie mit offenen Armen und Ohren empfangen, wenn sie uns von ihren vielfältigen Erfahrungen in der Welt berichten?
Unsere Kinder gehen ihren Weg – er ist vielleicht nicht der gleiche Weg, den wir gewählt haben; sie werden vielleicht Dinge tun, die wir nicht tun würden, und Freund:innen finden, die wir uns nicht ausgesucht hätten – doch es ist ihr persönlicher Weg. Ihr Weg hinein in die Welt, den sie inmitten all der Vielfalt, die sich ihnen bietet, gestalten. Wenn ich daran denke, spüre ich eine tiefe Zufriedenheit und Freude.
Eine erste Version dieses Artikels erschien im Jahr 2015 in “die freilerner – Zeitschrift für selbstbestimmtes Leben und Lernen” Heft 68 – Gesellschaftliche Vielfalt – vielfältige Gesellschaft.
