Wie Ideen Wirklichkeit werden – Über Quellen, Visionen und kreative Felder

Peter Koenig ist ein neugieriger Mensch. Sein Lebensweg ist geprägt von dem, was ihm als besonders und interessant aufgefallen ist und was er deshalb genauer erforschen wollte. In den 1980er Jahren führte ihn dies zunächst zum Thema Geld, Bewusstsein und Persönlichkeit und zur Entwicklung seiner als Geldarbeit (moneywork) bekannt gewordenen Herangehensweise.

Vor knapp 20 Jahren begann er dann, sich einem weiteren Feld zu widmen: der Frage, wie Personen, die ein Unternehmen gründen, dabei eigentlich konkret vorgehen. Im Austausch mit anderen hatte er – zu seiner Überraschung – nämlich festgestellt, dass hierbei in den verschiedensten Fällen erstaunlich ähnliche Muster zugrunde liegen.

Die Nachforschungen der folgenden Jahre führten ihn zu einigen wichtigen Erkenntnissen, die er schließlich unter dem Begriff Quellenarbeit (sourcework) zusammenfasste. Dabei handelt es sich um eine erfahrungsbasierte Sammlung von Prinzipien darüber, wie Initiativen und Organisationen entstehen und welche Dynamiken in ihnen wirken. Sie machen grundlegende Muster und Zusammenhänge sichtbar und geben Hinweise darauf, wie Entscheidungen leichter getroffen sowie Konflikte und Probleme vermieden oder gelöst werden können. Diese Prinzipien wirken sowohl in beruflichen Unternehmungen als auch in ehrenamtlichen Initiativen, in Gemeinschaften und im weiteren persönlichen Lebensbereich.

Die breite Tragweite der Quellenarbeit ist mir selbst erst im Laufe der letzten Monate wirklich bewusst geworden. Vor einigen Jahren bin ich durch die Geldarbeit auf Peter Koenig und weitere Menschen in seinem Umfeld aufmerksam geworden. Als ich damals auch erste Einblicke in die Quellenarbeit bekam, fand ich sie zwar interessant, aber für mich persönlich nicht relevant, da ich keinem größeren Unternehmen oder Organisation angehöre. Vor einigen Monaten habe ich dann an einem Online-Kurs speziell zur Quellenarbeit (CU*source) teilgenommen und dabei erkannt, dass sie wirklich alle Lebensbereiche betrifft – von der Familie über kleine und große Projekte, Vereinsarbeit und Veranstaltungen bis hin zur Frage, welche Vision ich durch meine Arbeit eigentlich verwirklichen möchte.

Quellen und ihre Visionen

Was hat es mit dieser Quellenarbeit nun genau auf sich? Die grundlegende Annahme – das wichtigste Quellenprinzip – ist, dass jede Initiative von einer einzelnen Person in die Welt gebracht wird. Diese Person wird als die Quelle bezeichnet. Am Anfang jeder Initiative steht eine Idee und es ist durchaus möglich, dass mehrere Personen die gleiche Idee haben. Es braucht jedoch eine Person, die einen ersten konkreten Schritt unternimmt, um diese Idee tatsächlich zu verwirklichen. Dieser erste Schritt hin zur Realisierung beinhaltet immer auch eine Art von persönlicher Verletzbarkeit oder Risiko. Dies kann etwas deutlich Sichtbares sein, z.B. dass man einen Kredit aufnimmt, es kann aber auch etwas eher Unscheinbares sein, z.B. dass man jemandem von der Idee erzählt oder einen Social-Media-Kanal startet.

Aus der Praxis: Dein:e Partner:in und Du überlegen schon länger, ein neues Fahrzeug zu kaufen. Immer wieder kommt die Idee mal zur Sprache. Aber bisher habt Ihr noch keine konkreten Schritte in diese Richtung unternommen. Eines Tages setzt Du Dich an den Computer und öffnest die Seite der lokalen Kleinanzeigen, um nach passenden Angeboten zu suchen und Verkäufer:innen zu kontaktieren. Dies ist der Moment, in dem Du zur Quelle des Fahrzeugkaufs wirst – unabhängig davon, wer von Euch den Kauf am Ende tatsächlich abwickelt.

Jede Initiative und jedes Projekt beginnt also mit einer Person, die dessen Quelle ist. Die Quelle hat eine Vision – es gibt einen Grund dafür, warum sie tut, was sie tut. Außerdem spürt sie einen inneren Antrieb, der sie dazu bewegt, aktiv zu werden. Manchmal ist ihr die Vision klar und deutlich präsent, in anderen Fällen ist es eher ein Impuls, eine Intuition oder eine vage Vorstellung. In jedem Fall basiert die Vision auf Werten, die der Quellperson wichtig sind. Dass sich die Quelle immer wieder bewusst mit ihrer Vision für die Initiative oder das Projekt verbindet, ist essentiell für die langfristige Motivation und eine erfolgreiche Umsetzung.

Das kreative Feld und die verschiedenen Rollen darin

Die Quelle lädt meist – direkt oder indirekt – andere Menschen ein, diese Vision gemeinsam mit ihr zu verwirklichen. Sie eröffnet sozusagen ein Feld, das von der Energie der Vision getragen wird und in dem alle Beteiligten unterstützend wirken und sich kreativ einbringen können.

Auch wenn dieses Feld eher symbolisch gemeint ist, lässt es sich gut als bildliche Metapher verwenden: Auf einem natürlich bewirtschafteten Feld oder Garten gibt es verschiedene Aufgaben zu erledigen, damit die Pflanzen möglichst gut gedeihen und der Boden gesund bleibt. Für eine einzige Person ist es sehr schwierig und erschöpfend, dies alles alleine zu leisten – außerdem macht es weitaus weniger Spaß. Deshalb lädt die Person, die die Quelle des Feldes ist, andere ein mitzumachen.

Die Menschen, die dazukommen, bringen alle ihre eigenen Talente, Erfahrungen, Interessen und vielleicht sogar eigene Samen oder Werkzeuge mit. Manche legen geradlinige Beete an, andere pflanzen nach den Prinzipien der Permakultur; jemand fühlt sich für die Messung der Bodenwerte zuständig und es bildet sich eine kleine Gruppe, um die Wasserversorgung zu organisieren. Die Quelle wacht dabei nicht als Oberaufseher:in über die anderen, sondern sucht sich auch eine zu ihr passende Aufgabe im Geschehen. Gleichzeitig wissen alle, dass sie die Person ist, die den Impuls hatte, dieses Feld zu eröffnen, und dass sie stets das große Ganze im Blick behält und die Ansprechperson für grundlegende Fragen ist.

Die Quellenprinzipien benennen drei verschiedene Rollen innerhalb eines kreativen Feldes:

  • die globale Quelle ist die Person, die die ursprüngliche Vision hatte und das Feld eröffnet hat;
  • spezifische Quellen (auch Sub-Quellen genannt) sind Menschen, die ihre eigenen Ideen und Visionen innerhalb des Feldes der globalen Quelle verwirklichen oder die Initiative für einen Teilbereich dieses Feldes übernehmen;
  • Helfer:innen sind Menschen, die auf verschiedenste Weise mithelfen, dass die Vision der globalen Quelle umgesetzt wird, ohne dass sie eigene Ideen oder Visionen einbringen oder spezielle Eigeninitiative zeigen.

All diese Menschen sind Teil des kreativen Feldes. Wenn man sich die verschiedenen Aufgabenbereiche einer Initiative bildlich vorstellt, dann sehen sie wie ineinander liegende Kreise aus. Der größte, alles umfassende Kreis ist das gesamte Feld mit der globalen Quelle als tragende Person. Darin liegen weitere Kreise, die von spezifischen Quellen getragen werden, aber gleichzeitig Teil des großen Kreises sind. Innerhalb dieser kann es wiederum kleinere Kreise geben, die von spezifischen Quellen getragen werden, usw. Die Helfer:innen sind, je nach ihrer Aufgabe, in die verschiedenen Kreise eingebettet.

Abbildung aus dem Buch “Work with Source” von Tom Nixon, Seite 41

Aus der Praxis: Du planst einen Abend mit Freund:innen, an dem Ihr gemeinsam kochen wollt. Die Idee wurde schon länger im Freundeskreis immer mal wieder erwähnt, aber Du bist die Person, die nun dafür gesorgt hat, dass ein konkretes Datum dafür gefunden wurde. Du bist also die globale Quelle dieses Kochabends. Weil in Deiner Wohnung nicht genug Platz für alle ist, hast Du in die Runde gefragt, ob jemand einen passenden Ort anbieten kann. Eine Freundin hat sich bereit erklärt, sich darum zu kümmern. Sie ist nun die spezifische Quelle der Örtlichkeit für den gemeinsamen Abend. Drei andere Freund:innen haben angeboten Dich bei der Menü-Planung zu unterstützen, was sie erstmal zu Helfer:innen macht. Während Du mit ihnen im Gespräch bist, erwähnt einer von ihnen, dass es wichtig ist, herauszufinden welche besonderen Ernährungsweisen oder Unverträglichkeiten zu berücksichtigen sind. Er bietet an, sich darum zu kümmern. Dadurch ist er zur spezifischen Quelle hierfür geworden. Sobald er die Information eingeholt und der Gruppe mitgeteilt hat, übernimmt er wieder seine Helferrolle bei der weiteren Menü-Planung. Nun hat jemand eine Idee für ein leckeres Dessert. Es soll eine Überraschung werden, deshalb teilt sie nichts weiter darüber mit, aber übernimmt als spezifische Quelle diese Aufgabe. Du musst Dich als globale Quelle um das Dessert also nicht mehr kümmern. Es kann aber durchaus sein, dass Du Dich später als Helferin an dessen Zubereitung beteiligen wirst. So geht es weiter, sowohl in der Vorbereitung als auch während des Kochens, Tischdeckens und später Abspülens … Die Rolle der globalen Quelle verändert sich nicht. Aber alle Beteiligten können zwischen den Rollen als Helfer:innen und spezifischen Quellen hin- und herwechseln.

Da dieses Beispiel auf ein kurzzeitiges Projekt bezogen ist, gibt es bezüglich der Rollen sehr viel Agilität. In längerfristigen Projekten und Organisationen sind die Rollen normalerweise deutlich beständiger. Aber auch hier gilt, dass es den Beteiligten möglich ist, zwischen der Rolle als Helfer:in und der als spezifische Quelle oder zwischen der Rolle als spezifische Quelle für einen Bereich und der für einen anderen Bereich zu wechseln – oder auch mehrere Rollen auf einmal innezuhaben. Die Rolle der globalen Quelle hingegen bleibt konstant, auch wenn sie zusätzlich andere Rollen im kreativen Feld übernimmt.

Der Umgang mit Konflikten und weiteren Problemen

Selbstverständlich läuft in Organisationen und Projekten nicht immer alles reibungslos ab. Eine weitere wichtige Frage ist deshalb, was die Quellenprinzipien zur Bewältigung von Konflikten und weiteren Problemen beitragen können.

Die Anerkennung der globalen Quelle – sowohl durch andere als auch durch sich selbst – ist der erste und wichtigste Schritt für die Vermeidung und Lösung von Problemen innerhalb eines kreativen Feldes. Viele Reibungen und Unstimmigkeiten entstehen durch unnötige Machtkämpfe und durch Entscheidungen, die an den falschen Stellen getroffen werden.

Die globale Quelle hat aufgrund ihrer besonderen Rolle für das kreative Feld eine einzigartige Stellung, die es ihr ermöglicht, zu wissen – oder zu erspüren –, was am besten für das gesamte Feld ist. Dadurch hat sie eine organische Autorität und ist die Person, die grundlegende Entscheidungen trifft. Es gibt in der Quellenperspektive somit eine natürliche Hierarchie, die ermöglicht, dass alle Beteiligten in einem von kraftvoller Klarheit geleiteten Feld ihre eigene Motivation, Ideen und Kreativität einbringen können. Das gemeinsame Ziel ist die Verwirklichung der von der globalen Quelle formulierten Vision – sie ist es, die alle angezogen und zum Mitmachen bewegt hat.

Wenn die globale Quelle selbst oder andere Menschen in ihrem Feld ihre Rolle nicht anerkennen, kann es im täglichen Miteinander und in Bezug auf die Aufgaben, die es zu erledigen gibt, zu endlosen Diskussionen und verwässerten Kompromissen kommen. Dadurch ist am Ende niemandem geholfen, denn dies steht sowohl einem guten Arbeitsklima als auch der Verwirklichung der Vision im Wege. Die Vision ist sozusagen der Leitstern, der die Richtung vorgibt, und die globale Quelle ist die Person, deren innerer Kompass das kreative Feld in seiner Gesamtheit am besten leiten kann.

Aus der Praxis: Du möchtest Dich ehrenamtlich engagieren und trittst einem Tierschutz-Verein bei, dessen Webseite Dich anspricht. Der Verein hat eine toll formulierte Vision, mehrere hundert Mitglieder und alle formal wichtigen Positionen – wie erster und zweiter Vorstand, Kassenwartin und Schriftführer – sind ausgefüllt. Außerdem gibt es Arbeitsgruppen für Öffentlichkeitsarbeit, Spendensammlung und Vernetzung und eine Person bietet monatlich ein offenes Online-Treffen für die Mitglieder an. Aber trotz dieser auf den ersten Blick guten Organisation scheint die Arbeit des Vereins irgendwie nicht richtig zu laufen. Alles fühlt sich eher träge an, zu den Online-Treffen kommen meist die gleichen Mitglieder, die sich zwar nett unterhalten, aber in Bezug auf den Tierschutz kaum etwas Produktives besprechen. Die Arbeitsgruppen treffen sich regelmäßig und diskutieren über ihr jeweiliges Thema, aber es werden so gut wie keine konkreten Entscheidungen getroffen. Du hast eine Idee für ein Projekt in Deiner Region, aber Du weißt nicht, an wen Du Dich damit wenden kannst.

Als Du Dich nach der Geschichte des Vereins erkundigst, erfährst Du, dass er vor ca. 25 Jahren von einer kleinen Gruppe gegründet wurde. Eine der ursprünglichen Gründerinnen ist auch heute noch im Verein aktiv. Als Du sie fragst, wer die Idee hatte, den Verein zu gründen, antwortet sie, dass dies eine gemeinsame Entscheidung gewesen sei und sie von Anfang an dezentralisiert organisiert waren. Sie kommt ins weitere Erzählen und schwärmt von den Anfangsjahren, als sie mehrere stark öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgeführt hatten, einige Politiker:innen mit ins Boot holen konnten und viele motivierte und engagierte Mitglieder gewinnen konnten. Mit der Zeit sei dies dann leider immer weniger geworden, es gab Meinungsverschiedenheiten, die manche von den ursprünglichen Gründer:innen zum Austritt bewogen haben, und die Energie und der Schwung von früher seien einfach nicht mehr da – auch wenn es nach wie vor viele Mitglieder gibt, denen der Tierschutz sehr am Herzen liegt. Doch trotz aller Bemühungen scheint sich kaum mehr etwas zu bewegen. Sie sieht Dich traurig an und auch Du spürst, dass in diesem Verein etwas Entscheidendes fehlt: Es ist keine globale Quelle präsent und das kreative Feld leidet darunter.

Weiteres Konfliktpotenzial besteht darin, wenn die globale Quelle stets als allwissend und beratungsresistent auftritt. Es stimmt zwar, dass sie in ihrer besonderen Rolle eine einzigartige Verbindung zum kreativen Feld und der grundlegenden Vision hat. Aber dies bedeutet nicht, dass ihr eine vollkommen klare Landkarte vorliegt und sie auf niemand anderen angewiesen ist, um sich zu orientieren und Entscheidungen zu treffen. Unwissenheit und Zweifel gehören genauso zur Rolle der globalen Quelle wie Klarheit, intuitive Einsichten und deutliche Impulse.

Die globale Quelle braucht andere Menschen, um sich mit ihnen auszutauschen, Fragen gestellt zu bekommen und manchmal auch herausgefordert zu werden. Dies sind essentielle Schritte hin zum Treffen von bestmöglichen Entscheidungen und einer guten Ausrichtung des kreativen Feldes für die Zukunft. Ehrlicher Austausch und konstruktive Kritik sollten von Seiten der globalen Quelle deshalb willkommen sein. Ebenso wichtig ist es, dass sie den spezifischen Quellen innerhalb ihres Feldes Vertrauen entgegenbringt.

Gut zu wissen ist außerdem, dass eine Quelle nicht immer identisch ist mit einer Führungsperson. Sie ist per Definition die Person, die den ersten Schritt tut, damit eine Idee Wirklichkeit werden kann. Ob sie dann im weiteren Verlauf die Führung für das von ihr initiierte Projekt oder die Organisation beibehält, spielt im Grunde keine Rolle. Vor allem, wenn ein kreatives Feld wächst und dessen globale Quelle eine eher introvertierte Person ist oder schon viele andere Aufgaben innehat, kann es gut sein, dass sie die operativen Führungsaufgaben an eine oder mehrere andere Personen abgibt. Dennoch bleibt sie als globale Quelle die Person, die das beste Gespür für das große Ganze hat und die grundlegenden Entscheidungen trifft. Es ist also wichtig, dass sie für das kreative Feld präsent bleibt, auch wenn nur im Hintergrund.

Interessanterweise gibt es sogar Fälle, in denen sich beim genauen Nachforschen herausgestellt hat, dass die globale Quelle einer Organisation nie Teil deren legaler Struktur war. Ein Beispiel hierfür ist, wenn die Partnerin eines Gründers die globale Quelle des Unternehmens ist, selbst aber nie in ihm gearbeitet hat. Ihre Rolle anzuerkennen und sie in grundlegende Entscheidungen miteinzubeziehen, ist wichtig für die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens.

Ein weiterer Punkt, um Unklarheiten und Probleme zu vermeiden, ist, dass die globale Quelle möglichst deutlich kommunizieren sollte, falls sich ihre ursprüngliche Vision im Laufe der Zeit verändert hat. Alle Beteiligten müssen wissen, auf welche grundlegende Vision das kreative Feld ausgerichtet ist. Einerseits um in ihrem spezifischen Bereich das Bestmögliche zur Verwirklichung der Vision beitragen zu können und andererseits um entscheiden zu können, ob die aktuelle Vision noch zu ihnen passt – oder ob es vielleicht an der Zeit für sie ist, sich nach einem anderen Feld umzuschauen oder ihr eigenes zu gründen.

Analog zur globalen Quelle haben auch spezifische Quellen in gewissem Maße eine besondere Rolle und Autorität für ihre jeweiligen Bereiche im kreativen Feld. In diesem Zusammenhang kann eine Konfliktsituation entstehen, wenn eine spezifische Quelle etwas verwirklichen möchte, das nicht in die Vision der globalen Quelle passt. Tatsächlich ist eine der wichtigsten Aufgaben der globalen Quelle, die Begrenzungen ihres Feldes zu erkennen und zu wahren.

Wenn die Idee der spezifischen Quelle nicht zur Vision der globalen Quelle passt, gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten: Entweder die spezifische Quelle ändert ihre Idee so, dass sie mit der Vision der globalen Quelle vereinbar ist – ob das tatsächlich der Fall ist, kann lediglich die globale Quelle selbst bestätigen –, oder die spezifische Quelle verwirklicht ihre Idee außerhalb des Feldes der globalen Quelle. Sie könnte dann z.B. ein eigenes kreatives Feld gründen oder ein anderes bestehendes Feld suchen, zu dessen Vision ihre Idee passt. Dies bedeutet nicht, dass die spezifische Quelle das ursprüngliche Feld komplett verlassen muss. Wenn sie mag – und die globale Quelle damit einverstanden ist –, kann sie ohne Probleme Teil von zwei oder mehr Feldern gleichzeitig sein. Tatsächlich sind wir alle fast immer Teil von mehreren Feldern: angefangen von unserer Familie über den beruflichen Kontext bis hin zu ehrenamtlichen Tätigkeiten, Mitgliedschaften in Vereinen, Nachbarschaftsgruppen u.ä.

Wie werde ich eine gute Quelle?

Bisher habe ich die wichtigsten Aspekte der Quellenprinzipien beschrieben und einen allgemeinen Überblick gegeben, denn ein systematischer Blick auf kreative Felder und die verschiedenen Rollen darin ist wichtig für das Verständnis und die Anwendung der Quellenarbeit. Nun möchte ich das Ganze auf eine persönlichere Ebene bringen und der entscheidenden Frage nachgehen, was eine gute Quelle wirklich ausmacht und wie ich selbst zu einer guten Quelle werden kann.

Als globale Quelle hat man einen starken Einfluss auf das kreative Feld – im Positiven wie im Negativen. Deshalb ist es sehr wichtig, sich selbst möglichst genau zu kennen und sich bewusst zu machen, durch welche Themen man getriggert wird und wo wunde Punkte in der eigenen Biographie liegen. Wenn ich mich bewusst mit meinen noch nicht integrierten Erfahrungen und inneren Anteilen auseinandersetze, kann ich weitestgehend verhindern, dass ich bestimmte Verhaltensweisen unreflektiert ausübe oder unbewusst vermeide, weil ich sie mit verletzenden oder ängstigenden Erlebnissen oder vermeintlich negativen Eigenschaften verbinde.

Vor allem das Thema Macht, Autorität und Hierarchien ist für viele von uns nicht leicht. Es gibt einfach zu viele abschreckende Beispiele dafür, wie viel Unheil aufgrund von einengenden Strukturen und dominanter Machtausübung verursacht wird – vom Privaten bis hin zum Globalen. Neben der allgemein bekannten Macht über andere (power over) gibt es allerdings auch eine Form von Macht, die auf Vertrauen basiert, alle Beteiligten ermächtigt und zu einem gesunden und kreativen Miteinander beiträgt (power with).

Als globale Quelle befindet man sich oft zwischen den Polen des bestimmten Durchgreifens (top down) und des gemeinschaftsorientierten Sich-zurück-Nehmens (bottom up) – beide haben in der Quellenarbeit ihren Platz. Wenn allerdings jegliche Form von Macht und Hierarchie vermieden oder strikt abgelehnt wird, entsteht ein Vakuum, das selbst Initiativen und Projekte mit tollen Visionen zum Scheitern bringen kann.

Ähnliches trifft auch für das Thema Finanzen zu. Wenn wir nicht bereit sind, uns unserer – meist unbewussten – Glaubenssätze und Projektionen auf Geld zu stellen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Projekte und Initiativen darunter leiden. Weitere wunde Punkte können Themen wie Sichtbarkeit, Scham, Selbstwert oder die Angst vor Fehlern sein. Sie alle fordern uns dazu auf, genauer hinzuschauen und verdrängte oder abgespaltene Anteile unserer Persönlichkeit bewusst zu uns zurückzuholen. Hierfür gibt es verschiedene Methoden und Ansätze, was mir persönlich am meisten geholfen hat, sind „The Work of Byron Katie“, „Internal Family Systems“ und die „Geldarbeit nach Peter Koenig“. Diese innere Integrationsarbeit hilft uns dabei, unser ganzes Repertoire an menschlichen Fähigkeiten, Sinnen, Gefühlen, Vorstellungskraft und Kreativität zu nutzen, um unsere Visionen in die Welt zu bringen – und eine bereichernde und wertschätzende Umgebung zu schaffen für diejenigen, die sich uns anschließen.

Wie bereits erwähnt, ist es vollkommen normal, dass man als Quelle immer wieder zwischen Zweifel und Klarheit hin und her pendelt. Deshalb ist es sinnvoll, sich regelmäßig mit anderen auszutauschen. Wenn ich Menschen in meinem Umfeld dazu einlade, mir Fragen zu stellen und mich auf Unklarheiten oder Widersprüche aufmerksam zu machen, erhalte ich wertvolle Unterstützung für die Einordnung meiner Gedanken und Impulse sowie das Treffen von Entscheidungen.

Um die Verbindung zur Vision als Leitstern für das kreative Feld aufrechtzuerhalten, ist es außerdem empfehlenswert, dass man sich als Quelle regelmäßig, auf eine persönlich stimmige Art und Weise, mit ihr verbindet. Manchen Menschen gelingt dies am besten in einem bewussten Ruhezustand oder in der Meditation; andere bevorzugen eine körperliche Aktivität, die sie in einen aufnahmebereiten Zustand versetzt. Für viele ist eine naturnahe Umgebung – sei es im Garten, im Park, im Wald, am Fluss oder am Strand – hilfreich, um in Kontakt mit der Vision zu kommen.

Mit der eigenen Intuition in Verbindung zu treten, Impulse zu spüren und Antworten anzunehmen sind Dinge, die wir (wieder) lernen können. Hilfreiche Fragen hierfür können sein: „Was möchte durch mich in die Welt kommen?“, „Wie sieht der nächste Schritt aus?“, „Welche Personen – aus meinem kreativen Feld oder darüber hinaus – sind dafür wichtig?“, „Welche Ressourcen braucht es und wie kann ich diese aktivieren?“ Manchmal stellt sich direkt ein Gefühl der Klarheit ein; oft ist es aber auch ein Prozess, der über längere Zeit „in uns arbeitet“. Geduld und Vertrauen sind auf jeden Fall wertvolle Kompetenzen für eine Quelle, die mit Übung und zunehmender Erfahrung wachsen.

Ende gut, alles gut

Das Leben ist von Werden und Vergehen geprägt. Auch unsere Projekte und Initiativen sind davon nicht ausgenommen. Es kann sein, dass ein kreatives Feld sich von Anfang an nur auf eine einmalige Veranstaltung oder ein kurzzeitiges Projekt bezogen hat, das nun zu Ende gegangen ist. Oder eine ursprünglich längerfristige Vision konnte, mit Hilfe aller Beteiligten, verwirklicht werden und die Initiative ist deshalb nun nicht mehr notwendig. In diesen Fällen kann es sehr schön und wertschätzend für alle sein, wenn die globale Quelle das kreative Feld mit einer Art Zeremonie offiziell schließt. Dies kann individuell völlig unterschiedlich aussehen – Anregungen sind z.B. eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der Initiative einschließlich der beteiligten Personen, die Erinnerung an besondere Momente und eine symbolische Geste, etwa das Ausblasen einer Kerze.

Aber auch für viele globale Quellen von langfristigen Initiativen, deren Vision noch nicht verwirklicht wurde, kommt früher oder später ein Zeitpunkt, an dem das kreative Feld, das sie geschaffen haben, für sie an Anziehungskraft oder Bedeutung verloren hat. Vielleicht spüren sie nicht mehr diese besondere Energie, die anfangs von ihrer Vision ausging und die ihnen bisher Kraft gegeben und sie durch herausfordernde Zeiten getragen hat. Vielleicht fühlen sie sich inzwischen von einem anderen Thema stärker angezogen und möchten deshalb ein neues kreatives Feld gründen oder einem bestehenden Feld als spezifische Quelle oder Helfer:in beitreten. Oder vielleicht sind es auch gesundheitliche Probleme oder das Alter, die sie dazu bewegen, ihr Feld aufzugeben. In diesen Fällen gibt es neben der oben beschriebenen bewussten Schließung des Feldes auch die Möglichkeit, das kreative Feld an eine:n Nachfolger:in zu übergeben.

Für die Übergabe ist es wichtig, dass dies ein Prozess ist, der sowohl von der bisherigen globalen Quelle als auch von der neuen globalen Quelle bewusst anerkannt wird. Die bisherige globale Quelle muss die mit dem Feld verbundene Vision vollständig loslassen und die neue globale Quelle muss wirklich bereit sein, sie anzunehmen. Dann gibt es einen individuell gestalteten – oft ziemlich emotionalen – Moment der Übergabe, der so klein oder groß zelebriert werden kann, wie es sich im individuellen Fall stimmig anfühlt.

Sobald die neue globale Quelle die Vision und das dazugehörige kreative Feld empfangen hat, ist es an ihr, sich mit der Vision zu verbinden. Sie kann diese ihren Impulsen und Vorstellungen entsprechend anpassen, die ursprünglichen Werte, auf denen sie basiert, sollten allerdings erhalten bleiben. Auch hier ist es wieder wichtig, dass Änderungen der Vision an alle Beteiligten im Feld kommuniziert werden.

Der eben beschriebene Prozess gilt auch für die Übergabe einer spezifischen Quelle innerhalb des kreativen Feldes. Sie wird lediglich meist weniger zelebriert und die Auswirkungen auf das gesamte Feld sind deutlich geringer. Eine zugängliche, detaillierte und regelmäßig aktualisierte Auflistung oder graphische Darstellung aller Mitwirkenden im kreativen Feld und ihrer Rollen ist sehr hilfreich, um einen guten Überblick über das Gesamtfeld sowie die spezifischen Bereiche behalten zu können. (Tom Nixon hat hierfür die Software Maptio entwickelt.)

Schlussworte

Die Quellenarbeit mit den dazugehörigen Quellenprinzipien – von denen ich die wichtigsten in diesem Artikel beschrieben habe – ist ein spannendes Feld, das auf der Erfahrung und dem aktiven Austausch interessierter Menschen über fast zwei Jahrzehnte hinweg basiert. Sie hat durchaus auch Kritik erfahren, aber die Betrachtung von Organisationen und anderen Initiativen, die seit mehreren Jahren erfolgreich bestehen, hat sie bisher immer wieder bestätigt.

Sie ist eine Einladung, Projekte und Initiativen aus einer neuen Perspektive zu betrachten, die eigene Rolle darin zu erkennen und sich zu überlegen, welche Vision man selbst eigentlich verwirklichen möchte – entweder innerhalb eines bestehenden kreativen Feldes oder durch die Gründung und Pflege eines eigenen.

Ich freue mich, wenn meine Ausführungen ein erstes Verständnis der Quellenarbeit vermittelt und zugleich Lust auf eine tiefere Beschäftigung mit dem Thema geweckt haben. Die folgenden Fragen laden zur weiteren persönlichen Erkundung ein.

Reflexionsfragen:
  • Was möchte ich in die Welt bringen?
  • Was möchte durch mich in die Welt kommen?
  • Welche Idee kommt mir schon seit längerer Zeit immer wieder in den Kopf?
  • Was hat mir als Kind Freude bereitet?
  • In welchem(n) Moment(en) meines Lebens habe ich mich mit etwas Größerem verbunden gefühlt?
  • Wie kann ich Zugang zu meiner Intuition finden?
  • Welche Menschen in meinem Umfeld könnten mir helfen, mehr Klarheit zu gewinnen?
  • In welchen Bereichen meines Lebens bin ich bereits globale Quelle, spezifische Quelle oder Helfer:in?
  • Bin ich mit diesen Rollen zufrieden und erkenne ich sie bewusst an?
  • Wie stehe ich zu Autorität, Macht und Hierarchien? Welche Gefühle werden dadurch in mir ausgelöst?
  • Gibt es kreative Felder, die ich irgendwann einmal eröffnet habe und für die es nun an der Zeit ist, geschlossen oder übergeben zu werden?
Weiterführende Links:

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Autorin: Nina Downer (www.ninadowner.com)

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