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Schriftlose Sprachen, lesende Analphabeten und kulturelle Vielfalt

Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meines Denkens. Auch wenn ich ihn heute stellenweise anders formulieren würde, trägt er wichtige Fragen und Wegschritte meines eigenen Lern- und Verlernprozesses.

Von den ca. 7.000 Sprachen, die derzeit weltweit gezählt werden, existiert fast die Hälfte nicht in schriftlicher Form. Es sind Sprachen, die ausschließlich mündlich verwendet werden.

Diese schriftlosen Sprachen beinhalten das Wissen von Generationen von Vorfahren, das hauptsächlich in Form von Geschichten, Mythen, Liedern und Ritualen weitergegeben wird. (Diese schriftlosen Sprachen tragen Erfahrungen, Beobachtungen und Orientierungen, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden – oft in erzählerischen, performativen oder gemeinschaftlichen Formen.) In vielen solcher Kulturen ist der „Geschichtenerzähler“ oder „Geschichtenbewahrer“ eine wichtige Berufung, die eine besondere soziale Stellung mit sich bringt.

Darüberhinaus gibt es auch Gegenden, in denen zwar Sprachen, die in schriftlicher Form existieren, gesprochen werden, wo die Mehrzahl der Menschen jedoch nicht lesen und schreiben gelernt hat. Auch dort ist die jeweilige Kultur anders ausgerichtet als an Orten, wo lesen und schreiben ganz selbstverständlich zum Alltag gehören.

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Über Freilernen und Vielfalt

Ich lade dich ein, mal für einen Moment die Augen zu schließen und dir vorzustellen, dass alle Menschen auf der Welt gleich wären. Alle hätten die gleichen Ansichten, die gleichen Wünsche, die gleichen Probleme, den gleichen Beruf, ja sogar das gleiche Lieblingsessen. Wie fühlt sich das für dich an?

Könnte es sein, dass eine Welt, in der alle gleich sind, ziemlich eintönig und langweilig wäre? Und dass sie kaum Lernmöglichkeiten bieten würde? Wenn ich immer nur dem begegne, was ich schon kennen, würde ich mich wahrscheinlich auch selbst nie in all meiner Vielfalt und meinem Facettenreichtum kennenlernen. Ich würde mich auf das beschränken, was offensichtlich ist, und das, was da vielleicht noch so alles versteckt in mir schlummert, nicht entdecken. Ich wäre nur äußerst selten überrascht und inspiriert durch das, was andere tun, was ich irgendwo sehe oder lese oder was ich in einem Gespräch höre.

Durch gesellschaftliche Vielfalt können Lernmöglichkeiten entstehen. Ich stelle mir vor, wie ich an einen Ort komme, an dem ich noch nie war, oder vielleicht gehe ich auch nur durch die eigene vertraute Straße, aber mit weit offenen Augen und Ohren. Dann bietet sich mir Neues – Dinge, die ich noch nie gesehen oder bewusst wahrgenommen habe, Menschen, die mir noch nie begegnet sind, Musik oder Essen, die ich zuvor noch nie gekostet habe. Das kann sich aufregend anfühlen, vielleicht zunächst auch ungewohnt und befremdlich, aber oft erlebe ich es als bereichernd oder inspirierend. Ich kann Dinge kennenlernen und ausprobieren, von denen ich bis dahin gar nicht wusste, dass sie mir gefallen oder dass ich ein Talent dafür habe. Ich erfahre möglicherweise Aspekte, über die ich mir zuvor noch nie Gedanken gemacht habe. Und dann stellt sich mir die Frage: Kann ich dies als Einladung annehmen, meine Meinung mal auf den Kopf zu stellen und einen neuen Blickwinkel zuzulassen?

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Ein Interview über das Bedingungslose Grundeinkommen

Nina Downer im Gespräch mit Malina Günzel

Hallo Malina, ich freue mich sehr, dass du heute für uns einige Fragen zum Bedingungslosen Grundeinkommen beantwortest. Du arbeitst für den Verein Mein Grundeinkommen e.V. Kannst du unseren Leser*innen den Verein und seine Arbeit kurz vorstellen?

Hallo Nina, ja, das mache ich sehr gerne. Den gemeinnützigen Verein Mein Grundeinkommen gibt es seit dem Sommer 2014. Er wurde damals ins Leben gerufen, um auf die Frage, ob wir als Gesellschaft ein Bedingungsloses Grundeinkommen wollen und können, ein “Lass es uns einfach ausprobieren!” zu antworten.
Mein Grundeinkommen sammelt per Crowdfunding Spenden und immer wenn 12.000 Euro zusammen sind, verlosen wir diese als einjährige Grundeinkommen (1000 Euro pro Monat).
Durch Mein Grundeinkommen können wir testen, wie Grundeinkommen wirken kann, können lernen, welche Erfahrungen Menschen mit Grundeinkommen machen und schaffen dadurch eine lebendige Gesprächsgrundlage. Damit beleben wir die öffentliche Debatte ums Bedingungslose Grundeinkommen immer wieder mit neuen Impulsen.

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