Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meines Denkens. Auch wenn ich ihn heute stellenweise anders formulieren würde, trägt er wichtige Fragen und Wegschritte meines eigenen Lern- und Verlernprozesses.
Von den ca. 7.000 Sprachen, die derzeit weltweit gezählt werden, existiert fast die Hälfte nicht in schriftlicher Form. Es sind Sprachen, die ausschließlich mündlich verwendet werden.
Diese schriftlosen Sprachen beinhalten das Wissen von Generationen von Vorfahren, das hauptsächlich in Form von Geschichten, Mythen, Liedern und Ritualen weitergegeben wird. (Diese schriftlosen Sprachen tragen Erfahrungen, Beobachtungen und Orientierungen, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden – oft in erzählerischen, performativen oder gemeinschaftlichen Formen.) In vielen solcher Kulturen ist der „Geschichtenerzähler“ oder „Geschichtenbewahrer“ eine wichtige Berufung, die eine besondere soziale Stellung mit sich bringt.
Darüberhinaus gibt es auch Gegenden, in denen zwar Sprachen, die in schriftlicher Form existieren, gesprochen werden, wo die Mehrzahl der Menschen jedoch nicht lesen und schreiben gelernt hat. Auch dort ist die jeweilige Kultur anders ausgerichtet als an Orten, wo lesen und schreiben ganz selbstverständlich zum Alltag gehören.
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