Manche Begriffe sind den meisten von uns ziemlich vertraut. Wir verwenden sie häufig, ohne allzu viel über ihre Bedeutung nachzudenken. Sie erscheinen in Büchern und Zeitungsartikeln, werden in Vorträgen und Gesprächen erwähnt und tauchen auch in unseren Gedanken auf. Weil sie so allgegenwärtig sind, wird davon ausgegangen, dass diese Begriffe fixe Konstanten sind und alle wissen, um was es geht. Doch könnte es sein, dass diese Annahme ein Trugschluss ist?
Vielleicht beginnt es damit, scheinbar etablierte Begriffe neu zu betrachten: Wie lautet meine eigene Definition von einem Begriff? Wie spreche ich mit anderen darüber? Und merken wir überhaupt, ob wir dasselbe meinen?
In diesem Beitrag möchte ich einen solchen Begriff genauer betrachten – und zwar geht es um Erfolg.
Wenn ich das Wort Erfolg höre, dann wird mir bewusst, wie eng seine Bedeutung oft gefasst ist. Es geht meist um volle Bankkonten, gewinnbringende Aktien oder eindrucksvolle Karriereschritte. Man hat es geschafft – und ich frage mich was dieses es eigentlich sein soll.
In der Bildung scheint es das gute Abschlusszeugnis zu sein, im Berufsleben ein hohes Gehalt und/oder eine prestigereiche Position und für eine Nation ein hohes Bruttoinlandsprodukt. Im Bereich der Technik sind es meist Erfindungen wie leistungsstarke Prozessoren, Roboter und KI, die menschliche Tätigkeiten ersetzen können, und die immer weiter reichende Erkundung des Weltalls, die als erfolgreich gelten. Könnte es sein, dass es hier vor allem um Lob, Bewunderung und von außen vorgegebene Maßstäbe geht?
Wenn ich mich selbst, meine Mitmenschen und die Welt im Allgemeinen mit dieser gesellschaftlich weit verbreiteten, aber stark eingeschränkten Sichtweise betrachte, dann erkenne ich eine Einteilung in „erfolgreiche“ und „nicht erfolgreiche“ Menschen, Projekte, Regierungen, Nationen etc. Sie erscheint wie ein einfach anwendbares Schema mit klaren Resultaten, das ein leicht verständliches Weltbild erzeugt – mit Verlierer:innen auf der einen Seite und Gewinner:innen auf der anderen. Es durchdringt meine Gedanken, was „gut“ und was „schlecht“ ist, was erstrebenswert ist und wohin ich mich orientieren soll. Ist es diese Einfachheit, die die Attraktivität dieser Denkweise ausmacht? Oder warum wird sie nicht öfters hinterfragt? Könnte es sein, dass auch die Medien ihren Teil dazu beitragen, indem sie dieses Weltbild häufig reproduzieren?
Weil ich mich für die Herkunft von Wörtern interessiere, habe ich nachgelesen, dass der Begriff Erfolg ursprünglich vom Verb erfolgen – im Sinne von „geschehen“ – stammt und zunächst „Ausgang, Wirkung“ bedeutete. Später änderte sich die Definition dann zu „Erreichen eines Zieles“.
Im Duden online wird Erfolg als „positives Ergebnis einer Bemühung; Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung“ benannt und bei Wikipedia steht: „Um Erfolg handelt es sich, wenn Personen oder Personenvereinigungen die gesetzten Ziele erreichen.“
Die Gemeinsamkeit, die ich dabei erkennen kann, betrifft Ergebnisse, Wirkung und Ziele. Was ich allerdings nirgends gelesen habe, ist, wie diese aussehen sollen. Hier spüre ich, wie sich der Raum für persönliche Definitionen öffnet. Was wünsche ich mir? Von was träume ich? Welche Visionen trage ich in mir? Ich darf Erfolg als etwas Individuelles gestalten – meine persönliche Art und Weise erfolgreich zu sein. Und wenn ich erlebe, wie wohltuend es ist, meinen eigenen Erfolg zu definieren, dann wird mir bewusst, dass ich dies auch anderen wünsche, und es fällt mir leichter, meine Bewertungen und Projektionen loszulassen. Denn was weiß ich schon über deine Träume und Visionen?
Im „Kleinen“ wie im „Großen“, innerhalb der Familie genauso wie auf internationaler Ebene – wenn wir Projekte gemeinsam gestalten, dann dürfen wir eine spezifische Definition von Erfolg für dieses Projekt finden, unabhängig von der „gängigen Meinung“ oder „allgemeinen Annahmen“. Menschen sind nun mal verschieden – mit all ihren Wünschen, Träumen, Bedürfnissen und Gaben. Darf Vielfalt ein Geschenk und Reichtum sein? Oder soll sie angepasst und in ein Schema gepresst werden? Was bedeutet Erfolg für mich? – Diese Frage darf letztendlich jede:r für sich selbst beantworten.
Eine erste Version dieses Artikels erschien im Jahr 2017 in „die freilerner – Zeitschrift für selbstbestimmtes Leben und Lernen“ Heft 76 – Postfaktisch – Was schafft Realität?.
